Linie S – Mafia II

Erst die große Öffentlichkeit mache aus einer Erzählung ein Mittel gegen die Mafia und setze den Druck für Antimafia-Arbeit und Prävention. Roberto Saviano erzielt diese Öffentlichkeit auch mit Stilmitteln, die ihm vorgeworfen werden. Wie spektakulär darf Gewalt, darf das Böse dargestellt werden? Wie beeinflussen sich Erzählung und Realität? Und wann führen Einwände nur zum erneuten Verschweigen? Kurz: Wie soll über die organisierte Kriminalität erzählt werden?

Dies ist der zweite Teil über das organisierte Verbrechen. Der ersten Teil zeigt die internationalen Bezüge des organisierten Verbrechens auf. Saviano erzählt, wo heute die Mafia ist. Die organisierte Kriminalität ziehe weltweit ihre Profite aus Rauschgift, Waffenschmuggel, Erpressung. Vielerorts würden die vielen Toten nicht ihr zugeschrieben werden, sondern verschleiernd einer ‚Gang‘. Kapitalismus und Bürgertum mafiaisierten sich. Der IS sei die x-te Form der organisierten Kriminalität. Zum Abrufen des ersten Teils bitte hier klicken: Linie S – Mafia I

Wie soll über die organisierte Kriminalität erzählt werden? Die Frage ist gar nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint. Der passende Platz wäre die seriöse Tageszeitung, mit fundierter Berichterstattung. Fakt ist aber, dass eine solche Berichterstattung zahlreiche Menschen in Italien, aber auch in anderen Ländern schlicht nicht erreicht. Italien ist besorgt, dass Touristen wegbleiben könnten, wenn zu viel von der Mafia gesprochen wird und Touristen sind ein wichtiges Standbein für Arbeitsplätze. Manche Eltern und Psychologen sind besorgt über die in Gomorrah dargestellte Gewalt, ein Einwand, der gerade im deutschen Sprachraum auch in anderer Hinsicht immer wieder aufgebracht wird und deshalb auf viel Verständnis stoßen sollte. In Deutschland ist die TV-Serie Gomorrahh erst ab 16 Jahren freigegeben, in Italien lief die zweite Staffel der Kult-Serie freitags um 21.15 auf dem öffentlichen Fernsehsender RAI 3i und somit noch zu italienischer Familienfernsehzeit.

Wie soll über die organisierte Kriminalität erzählt werden? Die Diskussion insbesondere über die TV-Serie Gomorrah wird hart geführt. Saviano fühlt sich zu Unrecht angegriffen, hat Angst, dass die organisierte Kriminalität noch mehr verschwiegen, die Menschen in prekären Gebieten weiterhin im Stich gelassen werden. Und die Menschen in den von der Mafia gebeutelten Orten liegen ihm am Herzen, er akzeptiert nicht erstrangige und zweitrangige Tote. Für die Menschen vor Ort hat sich die Situation in den letzten Jahren aufgrund der großen Wirtschafts- und Arbeitsplatzkrise im Süden noch verschlechtert. Wie soll über die organisierte Kriminalität erzählt werden?

In einem Beitrag (Tageszeitung Repubblicaii vom 31. Januar 2017) wirft Saviano seinen Landsleuten und den gewählten Vertretern vor: Anstatt stolz zu sein, sich der besten Antimafia der Erde rühmen zu können, fähig zu sein, die Mafia auf der ganzen Welt zu erzählen, schäme man sich und verstecke sich hinter der Rechtfertigung: Wir sind nicht nur die Mafia.

Er betont die Gefahr durch das Nicht-Erzählen: Gerade dadurch werden man zu einem durch Korruption gemachten Gebiet, in der es keinen Raum gäbe für jegliche Distanz zu den mafiösen Welten. Saviano verweist auf die frühere korrupte Partei Democrazia Cristiana, die mit der Mafia verstrickt war. Kreis schließe sich: Die Democrazia Cristiana habe während Jahren eine schreckliche, zum Schweigen führende Ausdrucksweise verwendet, um jeglichen Erzähltypus über die Mafia zu stoppen: Du sprichst schlecht über Italien. Heute ist es genau das, was man hört, wenn irgendjemand über die Mafia in Neapel, Palermo, Bari, Mailand, Kalabrien, Modena, TurinS spricht: Du sprichst schlecht und du bereicherst dich dank der Mafia. Saviano wird regelmäßig vorgeworfen, er profitiere mit seinen erfolgreichen Büchern über die Mafia ja selber von der Mafia. Der Vorwurf habe einen anderen Grund, der Vorwurf sei ein Mantra, das heute noch von jedem benutzt werde, der daran interessiert sei, eine Erzählung zu blockieren. Dies sei weder oberflächliches Verhalten noch Nationalstolz, sondern Kalkül und Schweigen. So könne es uns nicht überraschen, dass das Wort Mafia wieder unaussprechbar geworden sei, wie zuvor auch schon.

Wie soll über die Mafia erzählt werden? Auf seinem Blog erklärt Saviano die Wirkung seines Buches im Januar 2015 folgendermaßen:iii

Wenn Gomorrah nur ein anderes Buch gewesen wäre, das von wenigen Tausend Leuten gelesen worden wäre, hätte die Camorra ihm keine Beachtung geschenkt. Der Grund, warum sie es angegriffen haben, war, weil ich die Wahrheit über die organisierte Kriminalität einem so großen Publikum gesagt habe. Ihre größte Angst ist es, ins Scheinwerferlicht zu kommen.“

„Seit ich Gomorrah geschrieben habe, gibt es ein größeres Verständnis der Mafia, und in Italien waren die folgenden Regierungen gezwungen, in den Kampf gegen die organisierte Kriminalität zu investieren. Sie können nicht mehr so tun, als wüssten sie nicht, was passiert, und die öffentliche Meinung erlaubt ihnen nicht, sich durchzumogeln. „ Er würde sagen, dass sich die Wahrnehmung des Problems sich radikal geändert habe. „Das ist die Macht des nicht-fiktiven Romans, die Art Buch, die ich versucht habe zu schreiben. Um wahre Geschichten zu erzählen, mit der Strenge eines Journalisten und dem literarischen Stil eines Schriftstellers.“

Erst die große Öffentlichkeit macht aus einem Buch wie Gomorrah ein Mittel gegen die Mafia. Um diese große Öffentlichkeit zu erreichen, benutzt Saviano auch Stilmittel, die ihm von einem Teil der Leute vorgeworfen werden. Saviano beschreibt in einem Interview mit dem Corriereiv vom 21. Mai 2016 Buch, Film und Serie folgendermaßen: Es sind unterschiedliche Methoden. Das Buch ist eine Erzählung die von meinen Beobachtungen ausgeht, von meinem Blick. Reportage, Untersuchung, Roman, Tagebuch. Im Film haben wir meinen Blickpunkt gestrichen und über die alltägliche Kriminalität gesprochen. Er beschreibt ein Klima. Die Serie erzählt die Dynamik. Wir haben es geschafft, mehr auf den Grund zu gehen. Die Ethik besteht darin, sich dem Bösen zu stellen.

Auf die Frage, ob zehn Jahre nach der Publikation von Gomorrah der Sinn des Buches sich verflüchtige, meint Saviano: „Eine Mailänder Universität machte eine Studie: Nach der Publikation von Gomorrah registrierte man eine Erhöhung von 400 Prozent von Büchern über die Camorra und Mafia. Dieses Buch lebt weiter in tausend Deklinationen. Ich denke, auch die Wahrnehmung der Camorra hat sich geändert, nicht mehr als grobe Banditen und Gewalttäter, sondern als Avantgarde der Weltwirtschaft, mit Regeln, die sehr ähnlich jenen des Kapitalismus sind.“ Vielleicht habe sich der Sinn des Buches verflüchtigt, dergestalt, dass er von den Lesern inhaliert und in Bewusstsein umgesetzt worden sei.

Saviano bezahlt für seinen Einsatz gegen die Mafia einen hohen persönlichen Preis: Seit das Buch Gomorrah erschienen ist, lebt er unter Polizeischutz. Saviano erzählt in einem Interview mit der Zeitschrift Espresso vom Februar 2017 v, dass er auf Facebook aufgefordert worden sei, nicht mehr von der Mafia zu sprechen, da sich nichts geändert habe. Im Leben ziehe man Bilanzen, doch wir müssten vorsichtig sein, die eigene Wahrnehmung nicht auf die effektive Realität zu überlagern. Seit dem Erscheinen von Gomorrah habe sich sein Leben zum Schlechteren gewendet, aber der größte italienische Mafiaprozess (der Spartacus-Prozess) habe eine Beschleunigung erfahren. Savianos persönliche Wahrnehmung der Ereignisse und die öffentliche Dimension würden also nicht übereinstimmen. Das gleiche könnte man sagen über die Infiltration der Mafia im Norden: Als er davon im TV gesprochen habe, sei er beschuldigt worden, den Norden zu diffamieren, es seien Unterschriften gegen ihn gesammelt worden. Seit kurzem gäben ihm die Gerichtsurteile Recht, stellt Saviano fest und fügt als Klammerbemerkung an: „Es kann nicht anders sein, da meine Arbeit auf der Untersuchung der Prozessakten beruhte“.

Der Bestseller Gomorrah öffnete Saviano auch die Türen in andern Ländern. Er bekommt – als bekannter Mafiaexperte – eine Plattform, die er als reiner Journalist wohl nicht bekommen würde, in Italien, aber auch in Ländern, die die Mafia als reines italienisches Problem betrachten und Bezüge zum eigenen Land lieber nicht sehen wollen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Saviano als mutigen Kämpfer für die Pressefreiheit. Der Kampf für die Pressefreiheit erfordere den Mut engagierter Reporter. „Und Sie, Herr Saviano, verkörpern diesen Mut“, betonte die Kanzlerin. „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Ihr Mut eines Tages dazu führen wird, dass die Missstände, die Sie beschreiben, beseitigt werden.“, wird sie anlässlich einer Preisverleihung im Artikel vom 16.9.2016 in der Zeit onlinevi zitiert. Gleichentags publiziert der Tagesspiegelvii ein Interview mit Saviano, in dem dieser feststellt: „Deutschland ist fast ein Paradies für das Organisierte Verbrechen, weil man die Mafia noch immer nur für ein Phänomen der Italiener, Russen oder Südamerikaner hält. Deutschlands Gesetze gegen Geldwäsche sind bisher nicht viel besser als die in Nordkorea oder Afghanistan! Das sollte auch Frau Merkel wissen. Und die internationale Hauptstadt der Geldwäsche ist nicht Panama City, sondern London.

Wie soll über die Mafia erzählt werden? Wie kann, muss über die Mafia erzählt werden, damit die Öffentlichkeit hin hört? Wenden wir den Blick der lokal direkt betroffenen Bevölkerung zu und schauen wir noch einmal das Konzept von Gomorrah an:

In einem Beitrag des Corriere vom 16. Mai 2013viii wird der Fernsehserie vorgeworfen, dass das Gute nie dargestellt werde. Es sei gestrichen worden aus erzählerischen Gründen, aus stilistischer Effizienz. „Ja, das ist wahr, aber es ist auch wahr, dass es keine Faszination (des Bösen) gibt“, rechtfertigt sich Saviano .ix Auf den Vorwurf, die Serie motiviere gerade die ganz Jungen zur Nachahmung, erwidert Saviano im Espresso vom 15.2.2015 sarkastisch:x Wenn die Jungen straffällig würden durch Nachahmung von Gomorrah, dann reiche es ja, mit Erzählen aufzuhören. Und die Katze beißt sich in den Schwanz. In der Repubblica vom 16.6.2017 fasst Saviano seinen Standpunkt zusammen: Die Aufforderung, die Erzählung gegen die Mafia abzubrechen, „gibt die Schuld jenem, der über die Kriminalität spricht, und nicht der Kriminalität selber.“ xi

Wie kann gegen die Mafia erzählt werden, wenn nur eine große Öffentlichkeit etwas bewirkt und diese – und gerade die Jungen -, die gut recherchierten, nüchternen Artikeln schlicht nicht lesen, hingegen eine spektakuläre TV-Serie anschauen? Spielen die Kids die Mafia in der Realität Gomorrah nach oder bildet Saviano nur die Realität gewalttätiger Mafiosi-Kids ab? In einem Interview mit dem Corriere vom 16. Mai 2016xii stellt Saviano noch einmal klar: „Wir ergreifen für keine der (Anm. negativen, bösen) Personen Partei. Das Ziel ist es, den Mechanismus, die Machtverhältnisse zur Hauptperson zu machen. Die echte Hauptperson ist die Realität.“ Imitiert werde von Jungen nicht die Serie, sondern die kriminelle Welt, die die Serie erzählen würde. „Uns zu beschuldigen ist eine Haltung, die uns zum Schweigen bringen soll“.

Lesen wir zum Schluss noch drei Standpunkte zu Gomorrah:

Im Artikel im Corrierexiii vom 16. Mai 2013 werden die Soziologin Cremonesi und ihr Kollege Cristante zitiert: „Die Serie Gomorrah erzählt eine Welt, wo die einzigen bestehenden Rechte jene der Kriminalität sind: die Überwältigung, die Gewalt, der Tod. Nie kommt ein Ausweg aus dem mafiösen System ins Spiel, nur der Kampf voller Blut, nach Stammesregeln, zwischen den verschiedenen Vertretern des Bösen.“

Nur: Die Mafia ist weder Robin-Hood-Bande noch gewöhnliche Kriminalität, bei der nach einem Ausstieg ein normales Umfeld aufgebaut werden könnte. Die organisierte Kriminalität basiert auf Schweigegebot und unerbitterlichen Rache. Das tatsächliche Leben von ausgestiegenen oder aussteige-willigen Personen gestaltet sich als sehr schwierig. Als sich im April 2017 eine 24jährige Tochter eines Mafiosi das Leben nimmt, befasst sich die Presse mit der belastenden Hypothek für die Kinder der Mafiosi. Eine Journalistin stellt in der La Stampa am 5. April 2017xiv fest: Ich weiß, dass der Vater, der die Mafia wählt, diese auch für seine Kinder wählt. Ihnen obliegt dann, ein Schicksal zu tragen, für das sie sich nicht entschieden haben. Vielleicht ist für einige der Tode die einzige mögliche Befreiung. Sogar wer sich nicht bewusst für die Mafia entschieden hat, ist einerseits von der Gesellschaft geächtet, andererseits nach einem allfälligen Ausstieg vom Stamm verfolgt. Zur Zeit wird untersucht, ob die 24-jährige wirklich Selbstmord begangen hat oder ob sie ermordet worden ist. Die Mafia töte vor allem die eigenen Kinder, stellt die Journalistin fest.

Der nationale Antimafia-Staatsanwalt Franco Roberti meintxv: Die Kinder sollen der Mafia weggenommen werden: Ohne Schule, ohne Kino oder Literatur, die bessere Modelle anbieten als die Personen von Gomorrah, ohne Aussicht auf Arbeit und ohne Sport, der sie zu Fairness und Respekt vor Regeln erzieht, werden sie immer alleine gelassen.

Das ist ein Einwand, der sich eindeutig nicht nur an TV-Serien richtet. Saviano geht nicht davon aus, dass Abschreckung (wie sie durch Serie wie Gomorrah angestrebt wird) genügt. Er beklagt im Gegenteil hartnäckig die Abwesenheit des Staates, den Rückzug der Ordnungskräfte und die mangelnde Unterstützung für schulische, kulturelle und nachbarschaftliche Projekte gerade in den prekärsten Gebieten. Er unterstützt – zusammen mit vielen andern – beispielsweise das Nuovo Teatro Sanitàxvi, ein Theater in einem der benachteiligten Stadtteile von Neapel, in dem unter anderem versucht wird, die Kinder von der Straße zu holen. Auch der Staat holt zunehmend gefährdete Kinder aus Mafia-Familien heraus und platziert sie an einem sicheren Ort – mit allen positiven, aber auch negativen Folgen für die Kinder. In einem Punkt stimmen alle Mafiagegner überein (auch wenn sie sich in vielerlei Hinsicht nicht einig sind): Der wesentliche Faktor für die Attraktivität der Mafia vor Ort ist die desolate Arbeitsplatzsituation. Insbesondere für die Jungen ist die Situation ein Desaster: Etwa jeder Dritte zwischen 16 und 35 Jahren ist arbeitslos, fast jeder fünfte der jungen Italienerinnen und Italiener zwischen 18 und 24 hört vorzeitig mit der Ausbildung auf, denn:xvii Perspektiven gibt es kaum. Der Versuch, innerhalb von kurzer Zeit auch im Süden etwas wie eine Berufslehre einzuführen, gestaltet sich insbesondere ohne gewachsenes Bewusstsein und Strukturen seitens der Arbeitgeber, aber auch in Anbetracht der schlechten Wirtschaftslage als bestenfalls harzig, vielleicht auch gescheitert. Rasch wirkende Lösungen fehlen, Versuche wirken wie Tropfen auf den heißen Stein der desolaten Jugendarbeitslosigkeit.

Lesen wir am Schluss den Standpunkt der Mailänder Staatsanwältin Ilda Boccassini, die ebenfalls aus Neapel stammt. Ilda Boccassini zitiert in einem Beitrag in der Repubblica vom 1. Juni 2016xviii den 1992 von der Mafia ermordeten Richter Giovanni Falcone: „Ich habe gelernt, dass jede Kompromisshaltung eine Gefühl von Schuld verursacht, eine Verwirrung der Seele, eine unangenehme Empfindung von Verlust und ein Unwohlsein mit sich selber. Der kategorische Imperativ der Mafiosi „die Wahrheit zu sagen“ ist einer meiner Angelpunkte meiner beruflichen Ethik, zumindest war die wichtigen Beziehungen des Lebens angeht. Auch wenn es seltsam scheinen mag, hat mit die Mafia eine Lektion Moral gelernt. Diese Erfahrung hat meinen Staatssinn authentischer bewusst gemacht. In Vergleich zum „Mafiastaat“ wurde mir bewusst wie viel funktionaler und effizienter als unser Staat er ist und wie – genau aus diesem Grunde – unerlässlich es ist, sich maximal zu bemühen, ihn bis in den Grund zu kennen, um ihn zu schlagen. Wenn wir wirksam der Mafia entgegenwirken wollen, dürfen wir sie weder ein ein Monster verwandeln noch denken, sie sei ein Blutsauger oder ein Krebs. Wir müssen anerkennen, dass sie uns gleicht.“

Falcone habe aufgefordert, das Böse zu analysieren, den gewöhnlichen und den mafiosen Mann zu vergleichen, unterstreichend, dass für den Mafioso die Kultur der Zugehörigkeit und der Treue an fundamentale Werte – Würde, Respekt, Ehre, Solidarität – grundlegend ist. Für diese Werte seien die Mafiosi bereit gewesen zu sterben.

Boccassini stellt fest, dass die Serie Gomorrah die Debatte eröffnet habe zwischen Gut und Böse und deren richtigen Darstellungsart.

Auch die Gomorrah-Serie warne uns vor dem Schlechten, wir hätten keine Alibis, sie zwinge uns , unser Inneres anzuschauen. Saviano und seine Drehbuch-Mitautoren hätten begriffen: Nur wenn man vom absolut Schlechten ausgehe, von der Abwesenheit des Guten, könne ein authentisches Motiv für Erneuerung wachsen. Saviano lade uns ein, die Realität des Südens, von Neapel, von Secondigliano, von Scampia…, die auch die in Gomorrah dargestellt Realität sei, mit Augen zu schauen, die frei von Vorurteilen und falscher Heuchelei sind. Die urbane Verwahrlosung sei nicht aus der Serie geboren worden, habe schon davor davor. (…) Gomorrah reproduziere die Wirklichkeit in stärkerem Umfang, als dass es die Nachahmung riskiere. Das Schlechte darzustellen bedeute nicht, den Süden schlecht zu machen. Im Gegenteil: Der Geist der Serie sei genau der, das Schlechte in seinen ganzen Facetten darzustellen, um zu einer Erneuerung zu kommen.

Es sei sicher nicht die Fernsehserie, welche die Schönheit Neapels, seine Kultur, seine Geschichte, all das, worauf sie stolz seinen, verletze. Das Gute müsse nicht dargestellt werden, weil wir ja wüssten, dass es existiere, auch wenn manchmal, zu häufig, aus Opportunismus, Ehrgeiz, Karrieregründen in das Schlechte verwandelt werde. Das tue mehr weh als Gomorrah.

Boccassini unterstütze deshalb die Serie Gomorrah, die das Schlechte untersuche um es zu überwinden: „Ich bin Saviano (… und den andern) dankbar, das er zusammen mit den andern das versucht hat, damit eine enorme Verantwortung übernommen und mit Bewusstsein und Können gemacht haben. Sie alle haben Mut gehabt.“ Wir hätten die Aufgabe zu entscheiden, wo das Gute sei. Und Boccassini fordert den Leser, die Leserin auf, sich von falscher Moral zu befreien.

Zum Lesen auf Italienisch:

Von Roberto Saviano für die Tageszeitung Repubbica verfassten Beiträge lassen sich Repubblica-Saviano abrufen.

Zum Lesen auf Deutsch:

Die deutsche Seite von Transparency International findet sich unter Transparency International Deutschland e.V.

Von Roberto Saviano sind zahlreiche Bücher auf Deutsch übersetzt worden. Seit dem Erscheinen von Gomorrah (Verlag dtv, deutsch 2009, übersetzt von Friederike Hausmann und Rita Seuß) folgten weitere leicht zu findende Bücher zur Thematik.

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