Linie S – Mafia I

Roberto Saviano erzählt in seinen literarischen Werken, Essays und journalistischen Arbeiten unermüdlich über die organisierte Kriminalität. Die organisierte Kriminalität ziehe weltweit ihre Profite aus Rauschgift, Waffenschmuggel, Erpressung. Vielerorts würden die vielen Toten nicht ihr zugeschrieben werden, sondern verschleiernd einer ‚Gang‘. Kapitalismus und Bürgertum mafiaisierten sich. Der IS sei die x-te Form der organisierten Kriminalität.

So lässt sich ein Beitrag von Saviano in der Tageszeitung Repubblicai vom 31. Januar 2017 zusammenfassen. Das organisierte Verbrechen ist ein vielschichtes und komplexes Thema. Ordnen wir zunächst die Schauplätze:

Das organisierte Verbrechen lässt sich grob in drei Bereiche unterteilen: Vor Ort werden Kämpfe um Territorien ausgetragen, blutig und erbarmungslos. Ziel aller Aktivitäten ist Gewinn: um jeden Preis und überall dort, wo es Geld – bevorzugt viel Geld – zu verdienen gibt, ohne Abgaben oder Steuern zu bezahlen, ohne Qualitätsstandards einzuhalten, ohne jegliche Moral, gerne in lukrativen Branchen wie dem Schmuggel von Kunsthandel, Waffen und Rauschgift, aber auch in jedem andern wirtschaftlichen Bereich, von der Bauindustrie bis zum Betreiben von Flüchtlingsunterkünften. Der dritte Bereich ist die Geldwäsche: Die Gewinne wollen in die normale Wirtschaft getragen werden können, ohne dass zu erkennen ist, von wo das – kriminelle – Geld stammt. Wenn Saviano im unten folgenden Interview die Frage aufwirft, wo die Mafia sei, dann ist die Antwort darauf zu differenzieren. Es ist sich vor Augen zu führen, nach welchem Bereich der Mafia denn gefragt wird: Schießereien vor Ort? Infiltration von Politik und Wirtschaft, um an Aufträge zu kommen? Geldwäscherei? Das organisierte Verbrechen hat entsetzliche Folgen für einzelne Menschen und schadet der Allgemeinheit und den Einzelnen massiv. Der Frage, wo die Mafia ist, wo das organisierte Verbrechen ist, folgt deshalb die Frage, wer für die Bekämpfung der Mafia zuständig ist. Welche staatliche Institution bekämpft wo welchen Bereich der Mafia, oder sollte ihn bekämpfen, weil der Staat den Einzelnen und die Allgemeinheit schützen muss.

Lesen wir im folgenden einen Zusammenschnitt aus dem Beitrag von Saviano in der Tageszeitung Repubblicaii vom Januar 2017 und einem Interview vom April 2017, das Saviano euronewsiii gegeben hat.

Wo ist heute die Mafia?‘, fragt Saviano. Dies sei eine Frage, die man nicht mehr stellen solle: Wer über die Mafia spreche, dem werde vorgeworfen, das Bild von Italien in der Welt zu beschädigen. ‚Wir sind nicht nur die Mafia‘, werde gesagt, und: Man solle nicht schlecht über Italien sprechen. Schon in den 80er Jahren habe die Mafia nicht existieren sollen. Vierzig Jahre und Hunderte von Toten später seien wir zum selben Punkt zurückgekehrt. Die Mafia existiere nicht. Wer über sie spreche, beschädige das Bild von Italien in der Welt. Nicht nur nach dem Willen der Mafia solle nicht über sie gesprochen werden. Wer über die Mafia spreche, gefährde die politische Glaubwürdigkeit von jenen, die Risikogebiete verwalten würden; wer jenseits der Grenzen von Italien gehört werde, untergrabe die Glaubwürdigkeit von schwachen Regierungen, die den Kampf gegen die Mafia nicht als Priorität betrachten würden, benennt Saviano als Gründe für das Schweigen.

‚Wo ist heute die Mafia?‘, werde Saviano häufig von ausländischen Journalisten gefragt, wenn sie nach Italien kämen, nach Palermo, Kalabrien, Bari oder Neapel und es nicht schafften, Aggressionen oder Schießereien zu erwischen. „Wer die Mafia heute nicht sieht, sucht sie vielleicht nicht oder nicht auf die richtige Art und Weise.“, meint Saviano und fährt fort: „Früher war die Mafia ein Synonym für Armut und Verwahrlosung, heute ist dies teilweise noch so an ausgewählten Orten, aber überall sonst ist die Mafia in der privaten Wirtschaft, ist in öffentlichen Ausschreibungen, ist in Spekulationsgeschäften, durchdringt Betriebe, reißt Bankkolosse an sich. Heute ist es schwierig, die Mafia zu sehen, weil sie gleich aussieht wie der Rest.“ Schießereien seien nur ein Bereich, erzählte und gestoppte Schießereien würden nicht die Vene individualisieren, die die Mafia nähre.

Die Mafia sei heute nicht unsichtbar, sie würde nur nicht mehr gesucht, weil wir überzeugt seien, sie gefunden, gesehen, gekannt zu haben. „So enden wir in Italien wie die fremden Journalisten, die die Schulter zucken und nach einer Woche in Neapel, in der sie keine Schießerei erwischt haben, überzeugt sind, dass die Mafia im Grunde genommen nicht existiert, dass sie nur eine literarische Erfindung ist, etwas, das in der Vergangenheit existierte und das die Moderne bezwungen habe. Ohne Mafiamord wird es schwierig zu erzählen.“

Doch Saviano betont: Die Mafiamorde gebe es immer noch, mit Blut und Toten auf dem Boden. Den aus Versehen Ermordeten folgten Versprechen für Überwachungskameras, für mehr Kontrolle, doch in der Realität seien ganze Quartiere in Neapel für die Ordnungskräfte ‚off limits‘. Oder man sterbe als Vorbestrafter, da in einem Gebiet geboren und aufgewachsen, das häufig keine Wahl lasse. ‚Einer weniger‘, wiederhole man, um nicht mit dem Scheitern konfrontiert zu werden. Dann folge man den zynischen Regeln, die viele gewählt hätten: Von der Mafia kann man sprechen, aber nur in drei Fällen: bei außergewöhnlichen Toten (Falcone sagte, provokativ, man brauche zwei außergewöhnliche Tote pro Jahr um die Mafia zu schlagen), bei vielen, sehr vielen Toten (zwei, drei pro Tag, einer pro Woche genügt nicht) oder wenn das Argument der Mafia benutzt wird, um die Macht zu erzählen, wenn die öffentliche Meinung unmittelbar die organisierte Kriminalität mit der Regierung im Amt in Zusammenhang setzt.

Man dürfe nicht glauben, Schießereien seien leichter zu erzählen, schränkt Saviano ein. So sei es während Jahren nicht gewesen, während Jahrzehnten. Trotz Toter, trotz Prozessen, trotz unschuldig Ermordeten käme man nicht über die Lokalseite hinaus, die öffentliche und internationale Wahrnehmung nähme die Information als marginal wahr. Das gelte für Mexiko, Italien, Albanien, es gelte noch mehr für Länder wie England, Spanien, Frankreich, die auf ihrem Gebiet komplexe kriminelle Organisationen hätten und auch bei Toten es nicht schafften, davon zu erzählen aufgrund mangelnder Vorbereitung in kultureller Hinsicht, aufgrund der Grenzen eines Teils der Presse. Die Toten in England würden als geringeres Problem gelten, die Toten in Frankreich nie mit der Mafia verbunden. Man gebrauche Worte, die eine andere Wirkung hätten, die weniger Beunruhigung erzeuge, weniger Alarm: Gang und nicht strukturierte organisierte Kriminalität, die den Rauschgifthandel und ganze Quartiere unter Kontrolle hätten.

In Frankreich zum Beispiel drehe sich die ganze Diskussion nur um die Folgen und nicht um die Ursachen. Die französischen Vorstädte stecken voller krimineller Gelder, und dennoch reden alle nur über die Folgen, über die Dealer, über die Migranten. Aber dieser Dealer und dieser Migrant bekommen sein Geld und das Kokain von der französischen Mafia – der Mafia aus Marseilles und Korsika, über die Geldwäsche, die in der französischen Finanzwelt stattfindet – am Ende landet alles in Luxemburg.

Die Toten der Mafia seien nicht genügend oder nicht am richtigen Ort, um sie zu interessanten Toten zu machen. Es sei nicht nur die Mafia, die verschleiere, die davon profitiere, die es sich zu eigen mache: Der Kapitalismus mafiaisisere sich, das Bürgertum mafiaisisere sich. Das Verhalten, das früher Ausdruck einer kriminellen DNA gewesen sei, sei heute Ausdruck von der ganzen Wirtschaft. Wo ist also die Mafia? fragt Saviano rhetorisch. London sei die Stadt, in der am meisten Geld gewaschen werde.

Der Brexit sei durch den Wunsch angetrieben gewesen, Großbritannien zu einem Off-Shore-Steuerparadies zu machen. Wenn man Regeln gegen Geldwäsche aufstelle, dann blockiere man auch anderes Geld, nicht nur vom Drogenhandel, sondern auch Geld aus dem Nahen Osten, Geld aus Steuerhinterziehung. Wenn man seine Gesetze undurchlässig für die Mafia machen wolle, mache man sie in Wirklichkeit auch undurchlässig für eine ganze Reihe anderer Gelder, auf die man nicht verzichten wolle. Europa habe in dieser Hinsicht völlig die Hypothese aufgegeben, das Kapital kontrollieren zu können.

Großbritannien sei absolut betrachtet das korrupteste Land der Welt – Transparency International zum Beispiel hat es mit unwiderlegbaren Daten nachgewiesen. Nicht bei Politik oder Polizei, aber bei der Geldwäsche. Kein Brite hat das Gefühl, im korruptesten Staat der Welt zu leben, weil er keinen Polizisten schmieren kann oder weil er keine unmittelbar bestechliche Politik sieht. Aber die Briten wissen nicht, dass ihr Finanzsystem absolut korrupt ist. Inwiefern korrupt? In dem Sinne, dass es keine Kontrolle über die Geldflüsse gibt, nicht über die nach London, nicht über die nach Malta, nach Gibraltar und Jersey.“

Echte Gesetze gegen Geldwäsche gebe es nicht, obschon es heute viel einfacher sei, die Geldströme zu kontrollieren, denn wir haben nicht länger mit Bank-Noten zu tun, sondern mit Transaktionen, die eine Spur im Internet hinterlassen. Das Problem ist, dass es ganze Territorien gibt, in die man leicht Geld überweisen und es dort verschwinden lassen kann. Jeder europäische Staat hat seinen eigenen Geldschrank: Spanien hat Andorra, Deutschland hat Liechtenstein, Frankreich hat Luxemburg und alle haben die Schweiz. Es ist wirklich einfach, in Europa Geld zu verstecken.

In der Vergangenheit hatten die Banken Angst, Mafia-Geld zu nehmen. Das war so in den 80ern und 90ern. Heute buhlen sie um Mafia-Geld, denn sie haben Liquiditätsprobleme, und die Wirtschaftskrise hat das Banksystem in die Knie gezwungen. So sind die Abwehrsysteme der Banken total geschwächt und die Mafia kann einziehen. Das ist ein neues Phänomen aus der Mitte der 2000er Jahre. Die Mafia hatte üblicherweise Schwierigkeiten, in europäischen Banken Geld zu waschen, sie wandte sich normalerweise an Offshore-Banken in Südamerika und Asien. Aber jetzt ist sie stattdessen in die legale Wirtschaft eingedrungen.”

Auch auf den amerikanischen Präsidenten Trump verweist Saviano: Trump hätte ohne die Familie Genovese und die Familie Gambino nicht seinen Erfolg im Baugeschäft haben können.

Das alles zählt nicht mehr, weil in den Nachrichten die organisierte Kriminalität, in jeder Form, weniger erschreckend ist als abgehackte Köpfe und Konzertstätten, in denen Blut fließt. Wir können nicht mehr ignorieren, dass das, was wir als islamischen Extremismus vertreiben, nichts anderes ist als die x-te Deklination der traditionellen organisierten Kriminalität, die sich der Rauschgiftproduktion widmet, dem Rauschgifthandel, dem Schmuggel (von Waffen, Erdöl, Kunst), der Erpressung. Und Salviano erkennt bitter: Der Unterschied sei: Der IS habe studiert, erarbeitet und gewählt, wie er sich der Welt präsentiere und – vor allem – wie er von sich erzähle.

Zwischen den Dschihadisten und der Mafia gäbe es keine strukturellen Verbindungen, betont Saviano. „Aber kulturell schon. Heute besteht große Ähnlichkeit zwischen einem jungen Mexikaner, Napolitaner oder Südafrikaner und einem Nordafrikaner, der sich dem ‘IS’ anschließt. Sie haben alle die gleiche Gewissheit: Nur derjenige, der bereit ist zu sterben, um zu Geld zu kommen und ein Zeichen zu hinterlassen, kann sich von den anderen abheben. Heute ragst du nach ihrer Lesart nicht heraus, wenn du anders lebst, sondern wenn du anders stirbst. Zum Beispiel die jungen Männer, die ich in den vergangenen Jahren in meinem Land beobachtet habe: Sie schreiben auf Facebook, dass sie niemals 25 Jahre alt werden, noch nicht mal 20. Ein 30-Jähriger wird schon als Trottel angesehen, als jemand, der es nicht hinkriegt.”Die italienische Mafia habe einen Generationenwechsel vollzogen in den letzten Jahren. “ Heute haben die Bosse die Kontrolle des Terrains im wesentlichen auf ganz junge Leute übertragen. Es ist, als ob sie sich in die noble Abgeschiedenheit zurückgezogen und Kindern von 15 oder 20 Jahren die Macht übergeben hätten. Das sind keine Kinderbanden, sondern echte Mafiosi, mit ihren eigenen Regeln, mit ihrer eigenen, unglaublichen militärischen Gewalt, mit Gehältern, mit dem Betrieb des Drogenhandels. Der große Umbruch bezieht sich auf das Alter. Auch, weil ein Junge von 20 leichter bereit ist, zu sterben.”

Dies ist der erste Teil zur Thematik organisiertes Verbrechen. Der zweite Teil befasst sich mit folgenden Fragen: Wie spektakulär darf Gewalt, darf das Böse dargestellt werden? Wie beeinflussen sich Erzählung und Realität? Und wann führen Einwände nur zum erneuten Verschweigen? Zum Abrufen des zweiten Teils bitte hier klicken: Linie S – Mafia II

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