Linie M – Santa Maria II

Michela Murgia, die sardische Schriftstellerin und studierte Theologin, schreibt: „Dies ist ein Thema, in dem ich keine Gewissheit habe“i und äußert sich ausführlich und differenziert über die Leihmutterschaft. Der ehemaligen Politiker Nichi Vendola ist seit 2016 Vater eines Sohnes, der dank der Leihmutterschaft zu Welt kam. Ein Gericht setzt in einem Urteil Leitplanken, welche Folgen eine Leihmutterschaft für ein Kind haben oder nicht haben kann. Dies ist der zweite Teil der Überlegungen zur Thematik Leihmutterschaft. Der ersten Teil beinhaltet Ausführungen zweier feministischer Gruppen, den persönlichen Entscheid des ehemaligen Politikers Nichi Vendola und Murgias Überlegungen, wer wie Mutter werde und welche Folgen das wirtschaftlichen Ungleichgewicht der Beteiligten habe. Zum Abrufen des ersten Teils bitte hier klicken: Linie M – Santa Maria I

Fortsetzung der Überlegungen von Michela Murgia

Gewissheit hat Murgia auch aus einem weiteren Grund nicht: Wenn zwischen beabsichtigten Eltern und austragender Frau eine – unter den geschilderten Voraussetzungen und Einschränkungen freiwillige – wirtschaftliche Vereinbarung bestehe, stelle nicht der Preis für die reproduktive Funktion des Körpers der Frau die größten Fragen. Das Missverständnis hinsichtlich des Kindes wiege schwerer: Bekannte Fälle hätten klar gezeigt, dass ein Teil der Paare, die sich an Dritte wenden, um ein Kind zu bekommen, davon überzeugt seien, ein Kind bestellt zu haben und nicht nur die zur Verfügung-Stellung der Schwangerschaft. In diesen Horror-Fällen stelle sich in Bezug auf das „konforme Produkt“ die verstörenden Fragen, ob die Annahme eines kranken Kindes verweigert resp. eine Abtreibung eines Kindes mit diagnostizierter Krankheit gefordert werden könne. Auch hier verweist Murgia darauf, dass ein Gesetz Grenzen setzen und den schwächeren Teil schützen würde, damit Geld nicht alles machen könne. Ebenso müssten Fehlgeburt oder Tod bei der Geburt geregelt werden. Murgia verweist auf Scheidung und Abtreibung: Vor der gesetzlichen Regelung über die Scheidung seien die Männer einfach verschwunden, hätten Frau und Kinder verlassen ohne Unterhaltsverpflichtung, vor jenen über die Abtreibung hätten die Frauen trotzdem abgetrieben, heimlich und mit großem Sterberisiko. Die Abwesenheit eines Gesetzes erlaube jeden Exzess und Missbrauch, weil die schwache Partei gar nicht existiere.

Eine Schwangere sei kein Behälter und habe das Recht zu wählen, überschreibt Murgia den nächsten Abschnitt. Die austragende Frau müsse das Recht haben, ihre Meinung während der Schwangerschaft zu ändern und das Kind behalten zu können, auch wenn die Erbanlage nicht von ihr sei. Gerade weil ein Mensch keine Ware sei und die Entschädigung für die Schwangerschaft und nicht für das Kind bezahlt werde. Unabhängig davon, wie viel der Prozess gekostet habe, sei das Resultat ein Geschenk. Das sei einer der wenigen Punkte, woran sie keine Zweifel habe. Dass Risiko, dass eine austragende Frau so nur den Preis zu erhöhen versuche, sei tragbar in Anbetracht der generellen Schwangerschaftsrisiken der Frau.

Dann geht Muriga auf die Frage des Kindeswohl ein. Dieser Teil erachtet Murgia als am wenigsten problematisch. Das Kind sei weder benachteiligt noch privilegiert, sei Teil einer Familie mit allen Gewissheiten und Risiken wie jedes andere Kind. Wenn die Erbanlagen von den Eltern stammten, sei das Recht auf Kenntnis der biologische Identität nicht betroffen. Ansonsten würden die gleichen Rechte gelten wie bei der künstlichen Befruchtung. Geregelt werden müsste in Europa oder in Italien, dass das Kind nicht bestimmte Eigenschaften haben oder nicht haben müsse, wie z.B. das Geschlecht. Die Frau sollte nie zu einer Abtreibung gezwungen werden können. Ein Kind, das von den geplanten Eltern und von der austragenden Frau abgelehnt würde, müsste gleichbehandelt werden wie eines von traditionellen Eltern: Ein Verzicht auf das Sorgerecht und Adoptionsfreigabe wäre möglich.

In einem letzten Abschnitt geht die studierte Theologin Murgia ausführlich auf christliche Aspekte ein. Die Schwangerschaft für Andere stelle viel weniger Probleme als die der Abtreibung. Sie sei auf das Leben ausgerichtet und nicht auf seine Unterdrückung. Die Bibel kenne einige Schwangerschaften für Andere. Muriga geht auf die biblische Geschichten von Sara und Abraham, Lea und Rahel ein. Von den Urvätern der 12 Stämmen Israels seien 4 als Schwangerschaft für Andere erzeugt worden, weil sich die Frauen nicht mit ihrer Sterilität abgefunden hätten und in der damaligen Gesellschaft eine Frau ohne Kinder ohne jeglichen gesellschaftliche Anerkennung und Rechte, ausgestoßen und verachtet gewesen sei. Hinterfragt werden könne, ob das heute noch so gelten würde. Die Klassenfrage in der Bibel sei klar gewesen: Eine Schwangerschaft für Andere sei nur mit klarer Rollenverteilung Herrin-Sklavin möglich, die Schwangere abhängig gewesen. Gezählt habe der Wille, nicht die Art der Zeugung. Die biblische Tamara habe als kinderlose Wittwe mit ihrem Schwiegervater in Ersatz-Vaterschaft ein Kind gezeugt, damit sie gesellschaftlich mit dem verstorbenen Ehemann ein Kind haben konnte.

Murgia stellt zu guter Letzt wieder die Ausgangsfrage: Dürfe um jeden Preis der Kinderwunsch erfüllte werden? Welche Grenze existiere? Die Doktrin der katholische Kirche verlange zur Erfüllung des Kinderwunsches: heterosexuell, verheiratet, beide fruchtbar, ohne vererbbare schlimme Krankheiten und die Frau in der Lage, eine Schwangerschaft auszutragen. Das sei nicht gerade wenig, stellt Murgia trocken fest. Ansonsten müsse man sich nach der Doktrin dem Willen Gottes beugen oder ein Kind adoptieren, unter Berücksichtigung des italienischen und internationalen Rechts. Das überzeuge aber nicht mehr. Der Kinderwunsch sei stärker als eine Doktrin und viele Frauen würden zu Sarah, Rachel, Lea und Tamara werden. Es sei schwierig, ihnen Unrecht zu geben, weil es genau der Katholizismus gewesen sei, der die Mutterschaft als höchste Vollendung der Weiblichkeit gesetzt habe.

Ein Vater

Nichi Vendola äußert sich im März 2017 in einem Interview mit dem Journalisten Alessandro Trocinoii anlässlich des ersten Geburtstags seines Sohnes: Diese Jahr mit seinem Sohn sei für ihn eine außergewöhnliche Entdeckung gewesen, es sei eine Form der Liebe von einer umwerfenden Radikalität: „Gewahr zu werden, wie ein Neugeborenes dich lernen kann, seine Bedürfnisse zu spüren, ist eine wunderschöne Erfahrung.“

Corriere: „Nach italienischem Recht sind Sie ein Nichts für diesen Sohn.

Vendola: „Seit einem Jahr lebe ich mit ihm. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich ihm nicht die Flasche gegeben , ihm die Windeln gewechselt habe. Wir spielen wie die Verrückten, ich nähre ihn, pflege ihn, liebe ihn wahnsinnig. Dennoch lebe ich in einer juristisch ungewissen Lage. Während ich den Blick meines Sohnes sehe, der mich in jedem Moment sucht, ist es eine dramatische Idee, dass ich für den Staat nichts für ihn sein soll, dass wir keine Verwandtschaft haben. Das kann katastrophale Konsequenzen haben: Ich habe keinerlei Recht in seinen Belangen, er keinerlei in meinen. (…)

Corriere: „Wurde in Ihrem Fall der Frau eine Entschädigung bezahlt?

Vendola betont, dass es zwei Frauen seien: eine, die ihnen das Ei gespendet hätte, und eine, die akzeptiert habe, in ihrem Bauch ein Lebensprojekt zu tragen. Diese Frauen seien Teil ihres Lebens, sie seien wie eine Familie. Die Frauen würden in Kalifornien leben, aber sie würden über skype Kontakt halten und seien sich nahe. Für ihn und seinen Partner sei es eine Vorbedingung gewesen, die Qualität dieser Beziehung so zu definieren, dass sie nicht ausgenützt würden. Im übrigen sei die Motivation kaum wirtschaftlich. Das Engagement und die Schwangerschaft während 9 Monaten könne gar nicht mit einem wirtschaftlichen Vergütung kompensiert werden: Es sei schwierig, die ethische Motivation nicht wahrzunehmen. (…)

Corriere: „Ihnen wurde Egoismus vorgeworfen.

Vendola: „Ich und mein Lebenspartner hätten gerne den Umzug nach Amerika vermieden, wenn wir die Möglichkeit zur Adoption gehabt hätten. Die Idee zwischen Samen und Vaterschaft ist erbärmlich. Auch in den heiligen Texten gibt es viele Schwangerschaften für Andere.

Das Gericht

Ein Entscheid der ersten Abteilung des Obersten Kassationsgerichtshofes hatte am 30. September 2016 im Hinblick auf die doppelte Mutterschaft von zwei Frauen festgelegt: Im Ausland ausgestellte Geburtsurkunden für Kinder, die dort durch medizinisch assistierte Fortpflanzungstechniken gezeugt worden seien, würden nicht gegen die öffentliche internationale Ordnung verstoßen. Der Appellationshof von Trento weitete am 23. Februar 2017 diesen Entscheid auch aus auf die Vaterschaft von zwei Männern nach einer Schwangerschaft für Andere oder Ersatzmutterschaft, die im Ausland ausgeführt wurde. Die Begründung betone noch einmal die nicht negierbare Vielfalt der Familienformen, die heute Italien charakterisieren würde, bilanziert die Zeitschrift Il Quotidiano GiuridicosiiiDie beiden Väter hätten die Schwangerschaft für Andere in einem Land realisiert, in welchem sie auch für homosexuelle Paare zulässig sei. Ein lokales Gericht habe die Vaterschaft des Mannes festgestellt, durch dessen Samen das Kind gezeugt worden sei, der andere Mann habe ebenfalls die Vaterschaft beantragt und erhalten. Das italienische zuständige Zivilstandamt habe die Eintragung verweigert, weil diese die internationale öffentliche Ordnung verletzen würde: Die Schwangerschaft für Andere sei in Italien verboten, ebenso die Anerkennung zweier Väter. Auf beide Gründe ging der Appellationshof von Trento ein. Die internationale öffentliche Ordnung betreffe übergeordnete und /oder fundamentale Prinzipien der italienischen Verfassung, die der gewöhnliche Gesetzgeber nicht umstürzen könne. Für die Kinder sei jenes Landesrecht angewendet worden, in dem die Kinder geboren seien. Dieses erlaube die Schwangerschaft für Andere und die Vaterschaft zweier Väter. Die Regelungen würden nicht übergeordnete und / oder fundamentale Prinzipien der italienischen Verfassung betreffen, die der italienische Gesetzgeber nicht ändern könnte. Das Recht des Kindes, dass sein im Ausland festgestellter Status über die Landesgrenzen hinweg gelte, sowie das Kindeswohl würden rechtfertigen, dass die Familie, die sich um das Kind kümmere, auch in Italien weiterbestehen könne. Diese Rechte überlagerten als fundamentale Kindesrechte die persönliche Identität, die auch die Abstammung und das Staatsbürgerschaftsrecht beinhalte. Für die Minderjährigen wäre es offensichtlich ein Nachteil, wenn diese Kindesrechte verweigert würden. Es gäbe auch keine anderen Interessen oder Verfassungswerte, die diesen Kindesinteressen vorgingen. Das zuständige Zivilstandsamt muss somit die Eintragung der beiden Männer als Väter der Kinder vornehmen.

Fazit: Die Schwangerschaft für Andere oder Leihmutterschaft ist in Italien verboten. Wird sie im Ausland vorgenommen, lässt sie sich faktisch und rechtlich nicht aufhalten. Die Konsequenzen werden weiter diskutiert werden.

Lesen auf Italienisch:

Michela Murgia: Ave Mary. E la chiesa inventò la donna. Einaudi, 2012

Zum Lesen auf Deutsch:

Michela Murgia: Accabadora, ins Deutsche übersetzt von Julika Brandestini, Verlag dtv, 2012. Eine sardische Schneiderin nimmt in den fünfziger Jahren ein „Kind des Herzens“ an. Ein Roman über die Frage, wie Mutterschaft anfängt und wie das Leben beendet wird.

Quellen:

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