Linie B – Zürich

Alessandro Baricco – Über die Oper und das Internet, über unverzichtbare Kulturgüter, deren Zugang und Verteidigung, die Stabilität der Demokratie und kulturelle Aufgaben von Schule und TV. Und über Zürich.

Alessandro Baricco publizierte 2016/2017 eine Reihe von Essays in einer dieser Zeitschriften, die einige Laufmeter eines Kiosks belegen. Interessanterweise scheinen sie nicht so unter der Konkurrenz durch das Internet zu leiden. Ich wäre eher nicht darauf gestoßen, in einem Kiosk. Das Schöne am Internet ist, dass mir immer wieder Artikel unter die Augen kommen, die es im Kiosk nicht bis zu mir geschafft hätten. Das nennt man Vorurteile haben. Baricco beschreibt die Zeitschrift so: Er schreibe auf diesen Seiten zwischen „slip, vip e trip vari“i, was ihn bezaubere. Mich bezaubert, wie international verständlich seine Umschreibung ist. Die Beitragsreihe in der italienischen Version der Zeitschrift „Vanty fair“ nennt er in Anspielung an ein Museum in Sevilla „Archivo General de Indias“, eines Sammelsurium für alles Mögliche. In Bezug auf Zeitschriften hat Baricco überhaupt keine Vorurteile. Der Schriftsteller, Jahrgang 1958, der in jungen Jahren mit Opernkritiken sein Brot verdient hatte und heute von seinen erfolgreichen Büchern leben kann, tat sich schwer mit: Zürich.

Mindestens einmal im Jahr besucht Baricco eine zuvor noch nie gehörte Oper. Dieses Jahr besuchte er die Oper Alcina von Händel, gespielt in Zürich.ii „Ich befand mich also dort, sprachlos, dass eine solche Schönheit in einer Stadt zu finden ist, der ich bis dahin keinen Cent gegen hätte – eine besonders angemessene Formulierung für: Zürich.“ Und er fährt weiter: „Vor allem aber habe ich gedacht: Man wird noch eine Art und Weise finden müssen, die Sequenzen von Wissen und Erkenntnis und Erfahrungen zu bewahren und zu überliefern, die unvermeidlich benötigt werden, um auf diese besondere und unbezahlbare Schönheit zugreifen zu können; eine Schönheit, die dazu bestimmt sind, auf der schiefen Ebene der vergehenden Zeit zurück zu rutschen, vielleicht bis zum stummen Verschwinden und bis zur Existenz als Fossil.“

Da ich für http://www.italienlesen.com die Welt etwas ordne, wiederhole ich die von Baricco in diesem Essay und anderorts beantwortete Frage sehr simpel und unelegant: Was soll kulturell warum wem und wie vermittelt werden? Nach Baricco gehört in diesen Kanon die Schönheit einer Oper: „questa particolare e impagabile bellezza“, diese besondere und unbezahlbare Schönheit.

Die besondere Schönheit erklärt Baricco anhand mehrerer Beispiele, in einem erläutert er die Wirkung und die Funktion von Nähe und Distanz in der Musik: In Händels Zeiten seien die Gefühle in der Aufführung nicht durch Einfühlungsvermögen übertragen worden: Die Idee, wonach die Musik eine Art Transfer erzeugen müsse, in dem der Zuhörer sich selber verliere und sich mit der Person auf der Bühne identifiziere, sei zu Händels nicht an der Tagesordnung gewesen. Sein Publikum hätte dies als eine schrecklich vulgäre und reichlich unangebrachte Idee empfunden. Die Schönheit, und das daraus folgende ergreifende Staunen, sei etwas gewesen, das sich nur aus einer gewissen Distanz scharf gestellt habe: „mit weitsichtigem Herzen, sozusagen“. „avevano cuori presbiti, per così dire“, schreibt Baricco, presbite bedeutet weitsichtig, fernsichtig, alterssichtig. Händel sei ein Meister der Distanz gewesen. Er hätte nicht unsern Blick gesucht, indem er uns etwas unter die Nase gestreckt hätte, sondern indem er es weiter weg gehalten hätte. So habe er eine Entfernung zwischen Publikum und Bühnenfigur gebildet, die durch die Musik gefüllt worden sei und nicht verringert. Baricco beschreibt diese Wirkung der Musik als „Ergriffenheit in Zeitlupe“ und bezeichnet es als das Markenzeichen der Gesellschaft zu Händels Zeiten.

Ausführungen zur Unbezahlbarkeit dieser Schönheit hat Baricco schon früher gemacht: In zwei Essaysiii aus dem Jahre 2009 nannte er drei Gründe, weshalb unsere demokratischen europäischen Staaten mit öffentlichen Geldern das kulturelle Leben des Landes unterstützen sollten: Subventionen dienten erstens dazu, das Privileg, an Kultur teilzuhaben, zu vergrößern, indem Orte der Intelligenz und des Wissens dem größten Teil der Gesellschaft zugänglich gemacht würden. Zweitens verteidigten Subventionen einige Kulturformen vor den Folgen der Marktkräfte, da diese nach der Logik des Profits nicht überleben würden und sie uns unverzichtbar erschienen zur Überlieferung einen gewissen Grad der „civiltà“, das heißt der Kultur und der Gesellschaft. Dem fügt Baricco einen dritten Grund für Subventionen hinzu, den er als schwieriger und zu differenzieren bezeichnet: In einer Demokratie müssten Staatsbürger motiviert sein, Verantwortung zu übernehmen. Der Staat habe deshalb das Bedürfnis, dass Staatsbürger informiert und mit einer Mindestbildung, festen moralischen Prinzipien und starken kulturellen Bezugspunkten ausgestattet seien. Indem die Staaten das kulturelle Bedürfnis der Staatsbürger verteidigten, würden sich die Staaten selber retten. Dies hätten schon die alten Griechen des 5. Jahrhunderts gewusst, ebenso hätten das die damals noch jungen und fragilen europäischen Demokratien am Tage nach den Totalitarismen und der Weltkriege vollkommen verstanden gehabt. Und Baricco fragt sich, ob diese Gründe heute noch so gelten würden.

Noch nie sei der Zugang zu Kulturgütern, zu Intelligenz und Wissen, derart vergrößert worden wie in den letzten 15 Jahren. Und dies in den wenigsten Fällen wegen der geduldigen Arbeit der öffentlichen Gelder, sondern wegen: dem Internet, der Globalisierung, den neuen Technologien, dem größeren kollektiven Reichtum, der Erhöhung der Freizeit, der Aggressivität von privaten Firmen auf der Suche nach Marktexpansion. Am stärksten seien elitäre Grenzen in Bereichen niedergerissen worden, in denen der Staat quasi inexistent sei – Bücher, Unterhaltungsmusik, audiovisuelle Produktionen – , hingegen nicht oder kaum dort, wo der Staat am präsentesten sei: Oper, klassische Musik, Theater. Der Markt habe die Privilegien effektiver demontiert als der Staat. Wer heute in kulturell leeren Räumen wohne, sei nur über die zwei Kanäle Schule und Fernsehen erreichbar. Die öffentlichen Kulturgelder würden aber anderswo ausgegeben werden.

Zur Verteidigung unverzichtbarer Kulturgüter vor zerstörerischen Marktkräften argumentiert Baricco vorsichtiger. Das Prinzip sei vertretbar. Doch Baricco hat Zweifel, ob die Politik – die Intelligenz und das Wissen der Politik – anordnen könne, was zu retten sei und was nicht. Diese Idee stamme den 60er Jahren. Private könnten es vielleicht nicht besser, aber sicher nicht schlechter. Baricco äußert sich in Bezug auf Italien kritisch über die Schwierigkeiten zeitgenössischer klassischer Musik und des freien Theaters gegenüber den durch Subventionen am Leben erhaltenen Kulturveranstaltungen mit ihrer Monopolstellung. So würden trotz guten Willens unkontrollierte Kollateralschäden verursacht: eine Verödung der kulturellen Landschaft. Er frage sich, ob das der richtige Weg sei für den Umgang mit dem kulturellen Erbe, das den nächsten Generationen hinterlassen werden solle.

Die Stabilität der Demokratie gründe auf den kulturellen Möglichkeiten der Bürger, Baricco nennt es „crescita culturale dei citadini„, „kulturelles Wachstum der Bürger“, und stimmt der Aussage nur im Prinzip zu. Seine Bedenken belegt er mit einem Beispiel aus früheren Zeiten. Baricco hat den Essay 2009 publiziert, das heißt zu Berlusconi-Zeiten. Zu dieser Zeit war Berlusconi zum 4. Mal Ministerpräsident von Italien. Über seine politischen Inhalte, seinen Stil und die Kontroversen seiner Rollen als Unternehmer und als Politiker füllen sich zig Wikipediaseiten. Nach Baricco ist die herrschende Meinung der Linken und des Zentrums, dass Berlusconi mit seiner immensen Medienmacht das moralische Format und die kulturelle Größe Italiens von Grund auf zerrüttet habe, woraus – wie ein mechanischer Effekt – eine schwerwiegende kollektive Unzulänglichkeit für die notwendigen Regeln der Demokratie resultiere. Baricco stellt diese These in Frage. Man müsse sich diesfalls fragen, wie das großartige kulturelle Bollwerk, das man mit Subventionen zu errichten sich vorstellte, wegen so wenig habe zusammenkrachen können. Und selbst bei dieser Annahme sei das Bollwerk Kultur schlicht an falscher Stelle verteidigt worden. Baricco sieht in Berlusconi denn auch mehr eine Konsequenz als ein Ursache des Zerfalls.

Es sei Zeit, Bilanz zu ziehen und Strategien wechseln. Baricco schlägt folgende konkrete Schritte voriv:

1. Die Aufmerksamkeit, die Intelligenz und die Ressourcen müssten zu Schule und Fernsehen hin verschoben werden. Die öffentlichen Gelder könnten beispielsweise eingesetzt werden fürv: ein Theater an jeder Schule, vorbereitete und gut bezahlte Lehrer, Literatursendung zur besten Sendezeit und Kultursendungen zu klassischer Musik unabhängig von den Einschaltquoten. Ziel der öffentlichen Mittel solle nicht mehr die Finanzierung von Aufführungen, Events und Festivals sein, dies könne der Markt ruhig alleine tun. Der Markt könne hingegen nicht ein selbstbewusstes, gebildetes, modernes Publikum ausbilden. Das Publikum müsse dort ausgebildet werden, wo es noch alle umfasse, ohne Diskriminierung nach Klasse oder persönlicher Biografie: in der Schule und vor dem Fernsehen. Die öffentliche Aufgabe müsse zu seinen Ursprüngen zurückkehren: zur Alphabetisierung, damit das Moderne gelesen und geschrieben werden könne.

2. Man müsse sich an die Idee gewöhnen, dass die öffentlichen Gelder im kulturellen Leben des Landes einen Schritt zurück machen könnten und sollten, um von der derzeitigen zentralen, häufig monopolistischen Position wegzukommen.vi

3. Man müsse zulassen, dass sich Private der so zurückgelassenen enormen Räume bemächtigen würden. Das berühre ein Tabu: Kultur als Business, wo ein Böser alles zerstöre. Anhand des zwar privaten, aber doch geschätzten Verlagswesen zeigt er auf, das Private nicht per se die Bösen für die Kultur seien.vii Baricco sieht keine Veranlassung für die Angst, das Feld den Privaten zu überlassen. Die öffentlichen Gelder sollten die Privaten bezüglich Qualität und einer möglichst weiten und gerechten Verbreitung unterstützen.viii

Baricco machte sich mit diesen Vorschlägen in Italien nicht beliebt, Kulturinstitutionen schrien auf, seine Vorschläge wurde auf reine Sparmaßnahmen reduziert. Sie seien Wasser auf die Mühlen der von Berlusconi angekündigten Sparmaßnahmen im kulturellen Bereich. Bariccoix konterte, die öffentlichen Gelder sollten nach seinen Vorschlägen nicht gekürzt, sondern nur verschoben und für ein anderes Modell benutzt werden. Diese Diskussion müsse geführt werden und die Zeiten seien sowieso nie gut für eine solche Diskussion. Ideen, Lösungen und Visionen dürften nicht aufgrund einer Strategie des Vorsicht nicht laut gesagt werden.

Das waren Bariccos Vorschläge 2009. Und seither? Ob Baricco diese Vision als italienischer Kulturminister erfolgreich hätte umgesetzt oder es zumindest versucht hätte, wissen wir nicht. Baricco lehnte im Februar 2014 das Angebot vom damaligen Ministerpräsidenten Renzi ab, er habe für diesen Posten keine Begabung.x Der studierte Philosoph setzt sich lieber außerhalb der Politik für seine Ziele ein. Dabei nutzt er nicht nur das Fernsehen, sondern in großem Masse auch das Internet. Exemplarisch für die Art seiner Kulturvermittlung seien hier die sogenannten Lectures von 2013 resp. 2016 erwähnt: 7 Abendvorstellungen mit folgenden Themen xi xii : Kate Moss: Über den Geschmack. Tucidide: Über die Gerechtigkeit. Ludvig XVI: Über die Zeit. Marcel Proust: Über das Schreiben. Die U-Bahnkarte von London: Über die Wahrheit. Die Volte von Alexander dem Großen: Über das Erzählen. Die Kreuzabnahme von Van Der Weyden: Über das Glück. „Die Lectures sind keine Unterrichtsstunden, sondern die Erzählung eines Abenteuers des Verstandes“xiii umschrieb Baricco sein Vorhaben. Den Lectures wohnte nicht nur das Publikum in den ausverkauften Theatern bei, sie waren mit großem Erfolg auch per live streaming gratis abrufbar und sind weiterhin abrufbar, beim Bezahl-Fernseher oder gratis auf youtube. Im Januar 2017 ist Baricco optimistisch, dass Wissen, Erkenntnis und Erfahrungen der Oper auch den heutigen und zukünftigen Jugendlichen zugänglich bleiben werden. „Auf diese Schönheit zugreifen“ nennt er im Italienischen „accedere a questa (…) bellezza.“xiv Accedere, auf Deutsch „eintreten“ oder „erreichen“, wird im Italienischen auch auf den Computer bezogen und für das Verb verwendet, mit dem man auf Daten „zugreift“ oder das Menü „aufruft“. Und es ist es nur konsequent, dass er mit Freude zwischen slip, vip und trip ausführt, wo die Schönheit der Oper von Händel liegt und dass es sich lohnt, gelegentlich ein Vorurteil zu überwinden und hinzugehen.xv Sogar nach Zürich.

Zum Lesen auf Italienisch:

Abrufbar auf youtube:

  • Baricco, Mantova Lectures und Palladium Lectures (auf Italienisch)

Zum Lesen auf Deutsch:

P1190445

Öffentliches Gratis-Konzert der Philharmonie der Scala auf dem Domplatz in Mailand vor 40’000 Zuschauern, Mai 2015. Dirigent: Riccardo Chailly. Solist: David Garrett. Das ist der, der auch Guns N‘ Roses und Michael Jackson spielt. Mit der Geige. Nun: Rossini, Max Bruch, Brahms, Vittorio Monti und Verdi. Die beiden Jungs hinter mir sind wegen David Garrett hier. Die gespielte Musik? Würden sie ja sonst nicht hören, sei gar nicht mal so übel.

Quellen:

i https://www.vanityfair.it/magazine/indias/16/05/25/alessandro-baricco-archivio-generale-de-indias-inizio

„(…)oggi, infine, lo appoggio in questa pagina, per dare un nome appropriato a un gesto che farò per un po’ in queste pagine (tra slip, vip e trip vari, questo mi incanta), per qualche mese almeno, nell’intento di registrare in pubblico un movimento della (mia) mente che andrò a spiegare.
Il nome era Archivo General de Indias.

ii http://www.vanityfair.it/magazine/indias/17/01/20/alessandro-baricco-archivo-general-de-indias-alcina

„Dunque me ne stavo lì, incredulo che tanta beatitudine potessi trovarla in una città a cui non avrei dato un soldo (espressione particolarmente appropriata): Zurigo. Ma anche, e soprattutto, pensavo: bisognerà comunque trovare il modo di custodire e la sequenza di saperi e nozioni e esperienze che inevitabilmente si rende necessaria per poter accedere a questa particolare e impagabile bellezza, destinata col tempo a scivolare indietro sul piano inclinato del tempo che passa, fino alla muta sparizione forse, e a un’esistenza fossile.“

iiiAlessandro Baricco, aus: Il teatro dei fondi publicci 1 in Il nuovo Barnum, S. 148f

ivAlessandro Baricco, aus: Il teatro dei fondi publicci 2 in Il nuovo Barnum, S. 155f

vAlessandro Baricco, aus: Il teatro dei fondi publicci 1 in Il nuovo Barnum, S. 152 ff

viAlessandro Baricco, aus: Il teatro dei fondi publicci 2 in Il nuovo Barnum, S. 155f

viiAlessandro Baricco, aus: Il teatro dei fondi publicci 1 in Il nuovo Barnum, S. 153

viiiAlessandro Baricco, aus: Il teatro dei fondi publicci 2 in Il nuovo Barnum, S. 155

ixAlessandro Baricco, aus: Il teatro dei fondi publicci 2 in Il nuovo Barnum, S. 155

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s