Linie Z – Rebibbia

Zerocalcare benutzt Humor als Einstiegshilfe. Neben geopolitischen Kenntnissen vermittelt das Buch Kobane Calling vor allem eines: Die Situation in den kurdischen Gebieten ist komplex und die Motive der westlichen Welt – sowohl der Armeen wie auch der Unterstützer der Kurdinnen und Kurden – genauso.  Zerocalcare behält in Kobane Calling immer den Menschen im Fokus und hinterfragt die in der Region zahlreich agierenden Ideologien.

Die Linie Z unserer immaginären U-Bahn durch die linke Seite von Italien kreuzt sich mit der Endstation einer realen U-Bahnstation: Linie B der Römer U-Bahn endet in Rebibbia. Draußen begrüßt uns ein Mammut auf einem Wandgemälde. Der Comicautor Zerocalare hatte ein großherziges Tier mit frustriertem Gesicht gemalt. Darunter der Slogan: Qui ci manca tutto, non si serve niente. Rebibbia wird auch bis auf Weiteres Endstation bleiben, der Römer Regierung fehlt das Geld, um – wie seit langem geplant – das Hinterland im Nordosten mit dem Zentrum zu verbindeni. Allgemein bekannt ist Rebibbia in Italien einzig für sein Gefängnis: Der große Gebäudekomplex beherbergt 1400 Häftlinge inklusive einer Mutter-Kind-Station und Ausbildungsmöglichkeiten für Gefangene und dient als Örtlichkeit für Mafia-Prozesse. Gelegentlich kommt der Name des Viertels in der Presse vor, wenn einer wieder erfolgreich ausgebrochen ist. Nur 750 Strafvollzugsbeamte leisten Dienst, klagt die Polizeigewerkschaft im Jahre 2016, 200 mehr sollten es eigentlich sein.ii Rebibbia wird gleichgesetzt mit Gefängnis, sogar die im Viertel gefundenen Mammutknochen werden in einem Klotz für die Öffentlichkeit unzugänglich aufbewahrt.

Erst seit 2011 erscheint der Name Rebibbia in der italienischen Öffentlichkeit auch in anderem Zusammenhang. Es ist der Römer Stadteil, in dem Zerocalcare wohnt und lebt. Der beliebte und erfolgreiche Comicautor ist hier aufgewachsen und den Örtlichkeiten eng verbunden geblieben. Immer wieder betont er seinen Stolz auf das Viertel, das er ungerecht behandelt findet. „Einige denken, es sei eine Art Bronx, dabei ist es ein wirklich ruhiges Stadtviertel. Rebibbia ist für mich eine glückliche Insel zwischen San Francisco und Pescara“iii.

Rebibbia ist kein sozialer Brennpunkt, und ich vermute nicht zuletzt auch wegen des Gefängnisses, in dessen nächster Nähe man aus Sicherheitsgründen Verwahrlosung sicher vermeiden will. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie des Schicksals, dass Zerocalcare sich ausgerechnet mit Rebibbia derart identifiziert. Ein Gefängnis ist der wohl sichtbarste Ausdruck der repressiven Seite der Staatsmacht. Der Comiczeichner siedelt sich politisch auf der gegenüber liegenden Seite an, betont seine ideelle Herkunft aus dem Punk und den centri sociali, den Autonomen Zentren. Immer wieder setzt er seine kreativen Kräfte für Anliegen aus dem linksautonomen Milieu ein. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass er ab 2014 drei Reisen unternimmt mit einer linksautonomen Solidaritäts-Gruppe aus Rom. Sie besuchen die Heimat der Kurdinnen und Kurden, die auf die drei Staaten Syrien, Irak und Türkei aufgeteilt ist.

Die Comic-Reportage über die erste Reise, die im Januar 2015 in der Zeitschrift „Internazionale“ erscheint, ist publizistisch ein voller Erfolg. Zerocalcare erweitert und aktualisiert sie, im April 2016 erscheint die komplette Reportage unter dem Titel Kobane Calling als Buch. 8 Monate später druckt die Tageszeitung „Repubblica“ ein weiteres 12-seitiges Comic-Update.iv Seine politische Absicht setzt die römische linksautonome Soli-Gruppe damit sehr erfolgreich um: Dank des prominenten und – zeichnerisch und erzählerisch – kompetenten Comicautors kann die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Situation der Menschen in den kurdischen Gebieten gelenkt werden. Das Buch verkauft sich in Italien in einem Umfang, der meilenweit über die autonome Szene hinaus geht. Die französische Zeitung „Le monde“v publiziert während zweier Monaten jeden Donnerstag eine Fortsetzung daraus, eine Buchversion erscheint auch auf Französisch und Spanisch. Seit Mai 2017 ist Kobane Calling nun als erstes Buch von Zerocalcare auch auf Deutsch erhältlich, publiziert vom Berliner avant-Verlag.

Leider ist Kobane Calling weiterhin aktuell, die Kriegs- und Menschenrechtssituation in den kurdischen Gebieten hat sich bis heute, im Mai 2017, nicht verbessert. Der erste Teil von Kobane Calling lenkt die Aufmerksamkeit auf die Menschen in Rojava: das als autonom deklarierte kurdische Gebiet im Norden von Syrien ist auch bei uns hauptsächlich durch Berichte über die vom IS bedrohte Stadt Kobane bekannt. Auf die Frage – in Anlehnung an den Buchtitel -, welchen Ruf ihn nach Kobane geführt habe, antwortete Zercalcarevi: „Die tragende Rolle der Frauen, die gerechte Verteilung der Einkommen, das friedliche Zusammenleben zwischen Kultur und Religion: es schien uns, dass diese Revolution (in Rojava) unsere Sprache spricht. Es ist wichtig, sie zu unterstützen, und wir wollten hinzugehen, um etwas von ihnen zu lernen.“ Sie hätten nicht gehen wollen, um den Krieg zu sehen, sondern den Alltag. Bleibende Eindrücke seien Schulen gewesen, in denen kurdische, assyrische und arabische Kinder gemeinsam gespielt hätten, die Frauenzentren mit ihrem Kampf gegen häusliche Gewalt und die gleichgewichtige Aufteilung aller institutionellen Ämter auf je eine Frau und einen Mann. Solches hätten sie dokumentieren wollen. Natürlich hätten sie auch die Friedhöfe gesehen, die Schüsse und Explosionen gehört, aber das sei das Einzige, was in den Main-stream-Medien nicht fehlen würde. Den Krieg fasst Zerocalcare in einem Gespräch mit einem Kurden auf den ersten beiden Seiten von Kobane Calling so zusammen:

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Zerocalcare erstellt nicht eine objektive Reportage. Er textet und zeichnet durchgehend subjektiv, was er sieht, was er fühlt, seine Sicht der Geschehnisse. Sein Alter Ego – allen italienischen Leserinnen und Lesern bestens bekannt aus seinem Blog und seinen Büchern – ist ein ängstlicher, mittlerweile auch schon Dreißigjähriger, der von den Anforderungen eines linksextremen Lebens immer wieder überfordert ist. Auch die Reise nach Kobane beginnt an einem allen Leserinnen und Lesern bekannten Ort: in Rebibbia. An einem Nachtessen erzählt er seinen seinen Eltern, dass er mit einer linksautonomen Soli-Gruppe in das kurdische Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei reisen werde. Kurzzeitig von vollpubertären Anwandlungen übermannt, erwartet er den großen Widerstand der Eltern. Er wird enttäuscht. Die Eltern weigern sich, in ihm den überforderten und zu schützenden kleinen Jungen zu sehen. Genauso wenig sehen sie ihn als großen Helden. Einer der Gründe, warum die Leserinnen und Leser in Scharen bereit sind, diesen Anti-Helden auf seinen Reisen ins kurdische Gebiet zu begleiten, ist sein Erzählstil: Situationen, Orte und Personen, die die Leser und Leserinnen bestens kennen, bilden den Rahmen, und Zerocalcare benutzt Humor als Einstiegshilfe. Neben geopolitischen Kenntnissen vermittelt das Buch Kobane Calling vor allem eines: Die Situation in den kurdischen Gebieten ist komplex und die Motive der westlichen Welt – sowohl der Armeen wie auch der Unterstützer der Kurdinnen und Kurden – genauso.  Zerocalcare behält in Kobane Calling immer den Menschen im Fokus und hinterfragt die in der Region zahlreich agierenden Ideologien. Und er scheut sich nicht einmal davor, seine eigenen Ideologie kritisch zu hinterfragen:

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aktueller Hinweis: Zerocalcare nimmt am Comic-Festival in München (25.5.-28.5.2017) teil, weitere Infos unter http://2017.comicfestival-muenchen.de/

Angaben zum erwähnten Buch:

Zerocalcare, Kobane Calling

auf Italienisch erschienen im Verlag Bao Publishing, April 2016; ins Deutsche übersetzt von Carola Köhler, avant-Verlag Berlin, Mai 2017

Hinweis: Das Buch ist in mehreren Sprachen erhältlich, anhand der Titelseite ist nicht zu erkennen, um welche Sprachversion es sich handelt. Eine Leseprobe auf Deutsch kann unter http://www.avant-verlag.de/comic/kobane_calling abgerufen werden.

Quellen:

i roma.repubblica.it/cronaca/2017/01/26/news/roma_per_il_prolungamento_della_metro_b_rischio_causa_da_100_milioni-156904416/?ref=search, 26.1.2017

iii http://www.repubblica.it/cultura/2014/09/28 /news/zerocalcare-96706002/

Alcuni pensano che sia una sorta di Bronx mentre è un quartiere davvero tranquillo. Rebibbia per me è un’isola felice tra San Francisco e Pescara

vi http://www.ilfattoquotidiano.it/2016/05/17/zerocalcare-kobane-calling-da-qua-capisci-questa-guerra-meglio-che-con-qualunque-infografica/2737723/

Cosa è stata per te la “chiamata” di Kobane?
Negli anni Novanta ho iniziato a frequentare i centri sociali e ricordo legami molto intensi con la comunità curda. Poi, l’assedio di Kobane e la resistenza della popolazione, specie quella femminile, ci hanno fatto scoprire la rivoluzione dei curdi nel Rojava, il Kurdistan siriano. Il protagonismo femminile, la ridistribuzione del reddito, la convivenza tra culture e religioni: ci sembrava che quella rivoluzione parlasse la nostra lingua e fosse importante sostenerla e andare a imparare qualcosa da loro.

Racconti di non essere andato a vedere la guerra, ma la vita quotidiano di un pezzo di terra schiacciato tra i turchi e lo Stato Islamico. Puoi dare qualche flash di quanto hai visto?
Ho visto scuole dove bambini curdi, assiri e arabi giocavano insieme. Ho visto paesini in cui dei casi di violenza domestica si occupa la casa delle donne. Ho visto che ogni carica istituzionale è in realtà una doppia carica, maschile e femminile, ognuna con lo stesso identico peso. Noi siamo andati per documentare questo. Poi ovviamente abbiamo anche visto i cimiteri dei martiri e combattenti e sentito gli spari e le esplosioni, ma quella è l’unica roba che non manca nei media mainstream.

vii Kobane Calling, deutschen Übersetzung von Carola Köhler

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